Fritz Lang
Metropolis (1926)
Starnberg 5.7.: D
1927, Regie: Fritz Lang, Drehbuch Thea von Harbou.
Der wohl bekannteste deutsche Film in aller Welt gehört inzwischen zum
Weltkulturerbe der UNESCO. In der derzeitigen Fassug ist auf der Tonspur die neu
aufgenommene, überlieferte Originalmusik. METROPOLIS gilt als Vorbild für fast
alle Regisseure der Postmoderne, für Science Fiction-Filme wie BLADE RUNNER
oder sogar für Manga-Zeichner. METROPOLIS ist im Film eine Großstadt in einer
ungewissen Zukunft. Es gibt die Herrscher und die Arbeiter. Es gibt Aufstände
in der Unterstadt, es gibt einen jungen Mann, der sich kümmern will und einen
Erfinder, der einen weiblichen Maschinenmenschen kreiert, es gibt den Herrscher,
den Aufstand und den Zusammenbruch der Stadt, alles in einer unglaublichen
Architektur mit unglaublichen Tricks.

Metropolis hebt sich deutlich ab vom phantastischen Film der Stummfilmära und begründete in Deutschland ein neues Filmgenre: die Sciencefiction. Die damals neuartigen Elemente gehören heute zu den gängigen Mustern der Gattung. Eine negative Utopie zeigt die Exposition; der Zukunftsstaat ist eine Klassengesellschaft: Während in der achtlosen Unterstadt die Arbeiter wie Sklaven hausen und zehn Stunden am Tag von der Maschine tyrannisiert werden, leben die Menschen der Oberstadt in einer Welt des Luxus und des Überdrusses.
Herr über Menschen und Maschinen, das Hirn von Metropolis ist
Fredersen. Seine Gegenspielerin ist Maria, die Heilige der Unterdrückten:
ein Mädchen mit charismatischer Ausstrahlung, die von den Arbeitern angebetet
wird. Sie predigt Liebe und Versöhnung, Bruderschaft zwischen allen Menschen
und warnt vor einem gewalttätigen Aufruhr, der nur sinnlose Zerstörung und
Schuld bringen würde. Das Hirn (der Herrscher) und die Hände (die Arbeiter) müßten
durch das Herz (einen Mittler) zusammengeführt werden. Mitgefühl für die
geknechteten Arbeiter und Liebe zu Maria treibt Freder, Sohn des Herrschers von
Metropolis, in die Katakomben der Unterstadt. Fredersen, durch einen Spion über
die Wege seines Sohns informiert, sucht den Erfinder Rotwang auf, einen
skrupellosen Wissenschaftler und zugleich Meister der schwarzen Magie, an dessen
Tür das Pentagramm prangt. Rotwang erschafft einen künstlichen Menschen, dem
er die Gestalt Marias gibt und der die Masse aufwiegelt. Die Maschinenstürmer
bringen unbedacht das Leben ihrer Kinder in Gefahr, der Zusammenbruch der
Schleusensysteme bedroht die Unterstadt mit einer Überflutung, doch Freder und
Maria können in letzter Minute die Katastrophe verhindern. Die Massenhysterie
schlägt um, und der Volkszorn richtet sich nun gegen die falsche Maria, die von
der Menge gejagt und auf dem Scheiterhaufen als Hexe verbrannt wird. (Lang
variiert erneut das Thema der Femme fatale und mobilisiert unterschwellige Ängste
vor der Sexualität: Während die falsche Maria mit einem lasziven Tanz die
Arbeiter zur Revolution verführt, verkörpert die echte Maria die reine Liebe -
bezeichnenderweise nennt Freder sie in Thea von Harbous Roman «Jungfrau-Mutter».)
Rotwang entführt Freder. Auf dem Giebel des gotischen Doms (ein Gegenbild zum
Neuen Turm Babel in Metropolis) kommt es zum Zweikampf, bei dem der dämonische
Erfinder sich zu Tode stürzt. Am Schluß steht ein Happy-End: Fredersen, der um
das Leben seines Sohnes gebangt hat, zeigt Einsicht und gibt dem Arbeiterführer
die Hand. Das Paar Freder und Maria, Mittler zwischen den sozialen Klassen,
stiftet eine neue brüderliche Gemeinschaft.
Die Filmhandlung stellt ein Konglomerat dar, dessen Motive dem Expressionismus
(Vater-Sohn-Konflikt), der Neuen Sachlichkeit (Faszination durch die Technik)
und der Trivialliteratur entlehnt sind. Die beängstigende Zukunftsvision wird
aufgehoben durch eine sentimentale Liebesgeschichte, und die Lösung aller
Probleme findet, wie Béla Balázs ironisch anmerkte, «unter
Umgehung aller Tarif-Verhandlungen» mittels Händedruck statt. Der «Simpl»
spottete: «Nimm zehn Tonnen Grausen, gieße ein Zehntel Sentimentalität darüber,
koche es mit sozialem Empfinden auf und würze es mit Mystik nach Bedarf; verrühre
das Ganze mit Mark (sieben Millionen) und du erhältst einen prima Kolossalfilm.»
Metropolis wurde von der zeitgenössischen Kritik scharf verurteilt, weil
«eine technische Zukunftsstadt und Gartenlauberomantik», «das Extrem des
Ingenieur-Amerikanismus» und das «staubfängerische Kunstgewerbe europäischen
Gemütslebens» sich nicht zu einer überzeugenden ästhetischen Einheit fügen
ließen und der Film in einer fragwürdigen ideologischen Botschaft mündet. Der
Schriftsteller Herbert George Wells meinte, der Film verabreiche
«in ungewöhnlicher Konzentration nahezu jede überhaupt mögliche Dummheit,
Klischee, Plattheit» , und doch hat Metropolis Filmgeschichte gemacht.
Eine Erklärung liefert Luis Buñuel, der in Metropolis zwei
qualitativ unterschiedliche Filme sah, ein überwältigendes Bilderbuch und
Szenen eines verfeinerten schlechten Geschmacks. Ähnlich wie später die
Filmhistoriker verteilte er schon 1928 die Zuständigkeiten: «Obwohl wir
zugeben müssen, daß Fritz Lang ein Komplice ist, klagen wir hierbei als den
mutmaßlichen Autor dieses eklektischen Versuchs und gewagten Synkretismus seine
Frau, die Drehbuchautorin Thea von Harbou, an.» Fritz Lang akzeptierte dieses
Urteil. Jahrzehnte später distanzierte er sich vom Drehbuch, bekannte aber
seine Mitschuld: Die Hauptthese war von Frau von Harbou, aber ich bin wenigstens
zu fünfzig Prozent verantwortlich, weil ich den Film gemacht habe. Ich
war damals nicht so politisch bewußt, wie ich es heute bin. Man kann
keinen gesellschaftlich bewußten Film machen, indem man sagt, der Mittler
zwischen Hand und Hirn sei das Herz - ich meine, das ist ein Märchen, wirklich.
Aber ich interessierte mich für Maschinen ...
Während der Dreharbeiten sagte Lang in einem Interview, er versuche, den brausenden Rhythmus unerhört gesteigerten, zivilisatorischen Fortschritts einzufangen. Die triviale Handlung ist nur Vorwand, Libretto für die Inszenierung von Bewegungsarrangements. Luis Buñuel: «Was für eine begeisternde Symphonie von Bewegung! Wie singen die Maschinen, wunderbar durchsichtig im Zentrum, durch die elektrischen Entladungen Triumphbögen gleich! ... Das äußerst lebhafte Funkeln des Stahls, die rhythmische Abfolge von Rädern, Kolben, von noch nicht erschaffenen mechanischen Formen, dies ist eine bewundernswerte Ode, eine ganz neue Poesie für unsere Augen
... Selbst die Zwischentitel, die auf- und absteigen, sich drehen, bald in
Licht zerlegt werden oder in Schatten verschwinden, vereinigen sich in der
allgemeinen Bewegung und werden selbst Bilder.» Während die Roboter-Doppelgängerin
Marias Gestalt annimmt, umhüllen rhythmisch zirkulierende Lichtringe ihren Körper.
Wie der künstliche Mensch pulsiert die Stadt in blendendem Licht. Fritz Lang
entwirft gigantische Apparate, deren Zweck nicht zu erahnen ist, und er zeigt
das faszinierende Zusammenspiel mechanischer Abläufe in einem komplizierten
Funktionsplan. Die Arbeiter sind Sklaven der Maschine, deren Rhythmus sie sich
unterzuordnen haben. Der Maschinentakt bestimmt das Leben in Metropolis, die
Technik erscheint als Moloch. Die Bedienung der Apparate zwingt die Arbeiter in
strukturierte Einheiten: Wieder bilden Menschen Ornamente. Die Masse, in
geometrische Formen gepreßt, bewegt sich mechanisch-rhythmisch; in Rechtecken
marschieren die Arbeiterkolonnen, während die vorwärtsstoßende Menge, zum
Beispiel bei der Zerstörung der Maschinenzentrale, keilförmig gruppiert ist.
Fritz Langs Regie ist vom expressionistischen Theater, aber auch vom russischen
Avantgardetheater beeinflußt; den Inszenierungen Alexander Tairovs,
die er bei dem Gastspiel des Moskauer Kammertheaters in Deutschland sah, entnahm
er Anregungen für Metropolis. Die Masse bildet in diesem Film ein «gigantisches
Ballett» (Buñuel).
Sergej Eisenstein, der Lang während der Dreharbeiten im Studio
besuchte, zeigte sich besonders beeindruckt von den technischen Innovationen des
experimentierfreudigen Teams. Um eine Explosion eindrucksvoll filmisch
darzustellen, erfand Lang die Kamera-
schaukel. Die Kamera wurde dem Schauspieler, der zurückwich und sich an die
Wand preßte, entgegenge-
schwungen und kehrte in ihre Aus-
gangsposition zurück: Die Druckwelle der Detonation wurde augenfällig. Im
Stummfilm mußten Geräusche optisch ausgedrückt werden; Pulverdampf
signalisierte das Pfeifen der Arbeits-
sirene. Die Wolkenkratzer und kühnen Straßenkonstruktionen von Metropolis
wurden, erstmals in einem Spielfilm, im Schüfftan-Verfahren aufgenommen: Die
Einspiegelung winziger Modelle in Realszenen schuf die Illusion riesiger Bauten.
1925 antwortete Lang auf die Frage nach dem künstlerischen Stand des deutschen
Films: Wir haben Architekten - der ganze Rest ist hoffnungslos schlecht. Für
die Bauten von Metropolis zeichnete Otto Hunte
verantwortlich, ihm spendete Buñuel enthusiastisches Lob: «Das Kino wird der
zuverlässige Interpret der kühnsten Träume der Architektur sein.»
Die Verwirklichung dieser Träume brauchte zwei Jahre und verschlang immense
Summen. Metropolis war auf eine Million Mark kalkuliert und kostete
letztlich fünf Millionen, wie der Aufsichtsratvorsitzende von Stauß auf der
Generalversammlung der Ufa mitteilte. (Lang widersprach dieser Behauptung und
rief ein Schiedsgericht an, um die Herstellungskosten überprüfen zu lassen.)
Die Filmreklame warb mit eindrucksvollen Zahlenkolonnen: 1.300.000 Meter Film
wurden abgedreht, 36.000 Komparsen, darunter 750 Kinder, beschäftigt und
1.600.000 Mark allein für Arbeitslöhne ausgegeben. Eine kostspielige Großproduktion
erfordert Kompromisse - die sentimentale Handlung war gewiß ein Zugeständnis
ans Publikum, und die ideologische Botschaft ist auch unter diesem Aspekt zu
sehen: Die Verbrüderung von Kapital und Arbeit durch eine Führergestalt
entsprach einem weitverbreiteten Wunschdenken, das sich später die
nationalsozialistische Propaganda zunutze machte. Siegfried Kracauer
faßte das internationale Echo der Filmkritik zusammen: «Metropolis beeindruckte
das deutsche Publikum, die Amerikaner genossen seine technische Brillanz, die
Engländer dünkten sich erhaben, und die Franzosen zeigten sich von einem Film,
der ihnen wie eine Mischung aus Wagner und Krupp und im Ganzen als alarmierendes
Zeichen deutscher Vitalität erschien, beunruhigt. Die geschäftlichen
Erwartungen konnte Metropolis aber nicht erfüllen; der Film wurde für
die Ufa zu einem finanziellen Fiasko: Der erhoffte Kassenerfolg in Amerika blieb
aus und der deutsche Markt deckte - und auch das erst nach einigen Jahren gerade
ein Siebentel der Herstellungskosten.