Kinder,Waffen, Krieg

„The horror" sagt Marlon Brando am Ende von „Apocalypse Now". Es trifft für jeden Terror, egal ob staatlichen oder privaten zu. Wir setzen unsere Reihe „Krieg und Medien" an dieser Stelle mit einer anderen Perspektive fort. Gerade in der beginnenden Weihnachtszeit, auch in einer Zeit des „Wegguckens" wollen wir damit auf die Folgen des Krieges, des Terrors und der Grausamkeiten hinweisen. Wir leben in einer anderen Welt, als uns Hollywood oder deutsche Wohlstandskomödien a la „Nackt" vorgaukeln wollen. Die Welt ist ungerecht udn wir müssen uns mehr und mehr damit auseinandersetzen. Es wäre schön, wenn sich jemand fände, diese in Bilder umgesetzten ergreifenden Geschichten mitzuempfinden. Es sind immer noch Kinogeschichten und die Regisseurehaben jeweils Bilder gefunden, die darüber hinausgehen, bekannte Betroffenheit zu vermitteln.

Apocalypse Now Redux

USA 1979, Regie und Buch: Francis Ford Coppola, 153 min. Ab 16 J. Noch während des Vietnam-Krieges erhält der erfahrene Militärpolizist Capitain Willard (Martin Sheen) den Auftrag, einen hochrangigen US-Militär zu liquidieren. Colonel Kurtz (Marlon Brando) hat sich jenseits der kambodschanischen Grenze mit einer paramilitärischen Einheit verschanzt und lebt in seiner eigenen Welt. Er ist längst bereit jeden zu töten, der sich in seine Nähe wagt. Die Odyssee zu Kurtz, quer durch den vietnamesischen Dschungel, wird für Willard und seine Männer zu einer Reise durch die menschlichen Abgründe und zugleich zu einer schonungslosen Selbsterfahrung. Je tiefer Willard und seine Truppe in den Urwald vorstoßen und dem Reich des Colonel näher kommen, um so bizarrer und furchteinflößender mutet die Männer ihr Auftrag an. Inspiriert von Joseph Conrads Roman "Heart of Darkness" schuf Francis Ford Coppola einen der erschütterndsten Anti-Kriegsfilme aller Zeiten.

Army go home

Krieg ist die Hölle. Aber Frieden ist höllisch langweilig. Die im Herbst 1989 in Stuttgart stationierten US-Soldaten langweilen sich zu Tode. Das monotone Leben in der Kaserne ist ätzend. Um sich die Zeit zu vertreiben starten Ray Elwood (Joaquin Phoenix) und seine Kameraden einen florierenden Schwarzhandel. Sie vertickern innerhalb und außerhalb der Kaserne so ziemlich alles, was sich irgendwie zu Geld machen lässt. Das reicht von Reinigungsmitteln bis hin zu harten Drogen. Als der neue Top Robert E. Lee (Scott Glenn) seinen Dienst in Stuttgart antritt, will er dem bunten Treiben endlich einen Riegel vorschieben. Doch auch seine Motivation ist dabei eigentlich bloß pure Langeweile...
Vielen Dank für diesen Film! Nach all der unsäglichen Militär-Glorifizierungen à la "Black Hawk Down", "Wir waren Helden" und Co. ist es endlich an der Zeit auch mal ein anderes Licht auf das Soldatenleben zu werfen. Denn, was machen die Helden eigentlich in Friedenszeiten? Dann handeln sie getreu dem brechtschen Motto: "Stell`dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Dann kommt der Krieg zu euch!" In ihrer Station bauen die Soldaten dafür reichlich eigene Kriegsschauplätze auf. Dabei fallen dann absurde Sätze wie: "Das Wort `erstrahlt´darf diesen Stützpunkt nicht verlassen!" Da überfahren vollgedröhnte Panzerfahrer eine zivile Tankstelle und richten damit ein Chaos an. Und da verprügeln unausgeglichene Militärpolizisten grundlos einen arglosen Rekruten. Im Mittelpunkt steht aber das zunehmend blutiger werdende Duell zwischen dem neuen Top und dem jungen Jay Elwood. Jungstar Joaquin Phoenix weiß den gelangweilten "Spezialist" mit lakonischem Leben zu füllen. Daneben glänzt Ed Harris in einer Nebenrolle als gutgläubiger Commander der Kompanie voller Loser und Junkies. "Army Go Home" ist bestimmt kein Meisterwerk. Aber im Kriegswust der letzten Monaten eine herrlich böse Wohltat. Der US-Army wird das sicher nicht gefallen. Dem geplagten Zuschauer schon!

Bashu

Iran 1989, 120 min. Nach einem verheerenden Bombenangriff flieht der zehnjährige Bashu aus den Trümmern seines Heimatortes im Süden des Iran. Kaum jemand hat das Inferno überlebt. Auf einem Lastwagen entkommt Bashu in den Norden des Landes, in die Region Gilan in der Nähe des Kaspischen Meeres. Kinder finden den völlig erschöpften Jungen, der eine andere Hautfarbe hat und eine fremde Sprache spricht. Naii, eine selbstbewusste Frau und ihre zwei Kinder kümmern sich um Bashu, der langsam Vertrauen zu ihnen fasst und stockend von seinem Schicksal erzählt.
Auf die übrigen Dorfbewohner wirkt alles Fremde bedrohlich und gefährlich; sie verlangen, dass Naii den Jungen fortjagt. Als sie sich weigert, wird sie von Verwandten und Bekannten gemieden. Nun steht sie mit ihren Kindern alleine da. Mit ungeahnter Kraft und Willensstärke gelingt es ihr, Bashu in die Dorfgemeinschaft und schließlich auch in ihre Familie zu integrieren.

"Gedreht noch während des iranisch-irakischen Kriegs beginnt BASHU, DER KLEINE FREMDE mit der schrecklichen iranischen Wirklichkeit jener Jahre: Bahram Beyzaie schockiert uns zu Beginn mit Bildern eines Bombenangriffs, um zwei Stunden später mit seiner pazifistischen Utopie zu schließen: den Bildern des Bombenangriffs steht das Bild von Bashu gegenüber, der zusammen mit seiner Adoptivfamilie ein Wildschwein (ein Symbol für das Böse) aus dem Kornfeld vertreibt. - Der Film besticht durch die Schlichtheit der dramaturgischen Konstruktion, die sich zu Gunsten der Handlung und der Botschaft zurücknimmt. Alle Aufmerksamkeit gilt den Menschen, ihren Nöten und Freuden, ihrer sozialen Entfaltung. Psychologisch präzise baut Beyzaie seine Hauptfiguren Naii und Bashu auf und stellt ihnen die oft karikierten Nebenfiguren aus dem Dorf zur Seite. Mit einem Humor, der aus seiner Liebe und Symphatie für all seine Figuren wächst, ist ihm ein Film von großer Leichtigkeit gelungen." (Robert M. Richter: Filme aus dem Iran)

Belma

Dänemark 1995, 75 min. Der 15-jährige Rasmus lebt allein mit seinem Vater in Kopenhagen. Er liebt Videospiele und kann davon nicht genug haben. Da kommt ihm eine verlorene Brieftasche, die er im Antiquitätengeschäft seines Vaters findet, gerade recht. Am nächsten Tag steht Belma vor ihm, der die Brieftasche gehört. Sie und ihr Vater Josip sind vor dem Krieg aus ihrer bosnischen Heimat geflohen und wohnen auf einem Flüchtlingsschiff im Hafen. Rasmus verliebt sich in das Mädchen. Durch sie erfährt er, was es bedeutet, als Flüchtling in einem fremden Land zu leben.
Die Gräuel des Krieges holen die Flüchtlinge ein, als ein Mann auf das Schiff kommt, in dem sie den besonders brutalen Kommandanten eines serbischen Gefangenenlagers in Bosnien erkennen. Für die Flüchtlinge ist die Stunde der Vergeltung gekommen. Nur Belmas Vater mahnt zur Besonnenheit. Als er sogar versucht, den Menschenschinder vor der Lynchjustiz seiner Landsleute zu retten, wird er von der alarmierten Polizei als Tatverdächtiger festgenommen. Jetzt müssen Rasmus und Belma beweisen, dass Josip unschuldig ist ...

"Ohne didaktisch zu wirken, wird hier ein leidvolles aktuelles Thema aufgegriffen und mit einem individuellen Schicksal verbunden, mit zärtlichen Szenen, mit lustigen Begebenheiten ebenso wie mit sehr harten Darstellungen - eine Mischung, die berührt und nachdenklich macht. Für seine sensible und differenzierte Inszenierung erhielt BELMA bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck 1995 den Jugendfilm-Preis der Nordischen Filminstitute." (Christel Strobel, KJK 66/ 96)

Bowling for Colombine

Im zweiten Verfassungszusatz der USA wird jedem amerikanischen Bürger "zur Sicherheit des Staates" das Recht auf Waffenbesitz zugesprochen. Die Vertriebswege zur Umsetzung dieses Gesetzes sind bisweilen skurril. Man bekommt Gewehre als Willkommensgeschenk bei Eröffnung eines Bankkontos oder Patronen als Zugabe zum Haarschnitt beim Friseur. Momentan kursieren rund 250 Millionen Schusswaffen in den Vereinigten Staaten. Die beiden Schüler Dylan Klebold und Eric Harris hatten daher keinerlei Probleme an Gewehre heranzukommen, als sie am Morgen des 20. April 1999 in ihrer Schule in Littleton ein blutiges Massaker anrichteten. 12 Schüler und ein Lehrer fanden damals den Tod...


Amerikas wohl zynischter Dokumentarfilmer Michael Moore nahm die Highschool-Tragödie zum Anlass das Verhältnis seiner Landsleute zum Recht auf Waffenbesitz zu hinterfragen: "Sind wir verrückt nach Waffen - oder sind wir nur verrückt?" Warum sterben in den USA pro Jahr rund 11.000 Menschen durch Schusswaffengebrauch? Liegt es an den Medien? An dem leichten Zugang zu Waffen? Oder an der blutigen Vergangenheit der USA? Michael Moore verneint all diese Thesen. Für ihn liegt es vor allem daran, dass die Amerikaner wie kein anderes Volk von Regierung und Öffentlichkeit in ständiger Paranoia gehalten werden. Nach seiner Meinung ist die Geschichte der USA eine Geschichte der Angst. Angst vor den Engländern, Angst vor den Sklaven, Angst vor Terroristen. Als bizarre Folgen der organisierten Paranoia wird den Amerikanern mittlerweile sogar Angst vor Rolltreppen, Bienen und Äpfeln gemacht. In dem rasanten Trickfilm-Intermezzo "A Brief History of America" wird dieser gedankliche Ansatz pointiert auf die Spitze getrieben. In seiner Dokumentation präsentiert Moore mehr oder weniger unkommentiert Waffennarren, Zeugen des Littleton-Massakers und als Höhepunkt Charlton Heston, den Schauspieler und Vorsitzenden der NRA (National Riffle Association). Zu den weiteren Höhepunkten zählen Interviews mit dem Rocksänger Marilyn Manson und "South Park"-Zeichner Matt Stone. Dabei bezieht Moore eindeutig Stellung gegen die Waffenlobby. An so mancher Stelle ist die subjektive Färbung seiner Dokumentation deutlich spürbar. Doch die Vielzahl interessanter und aufschlussreicher Fakten und die satirisch unterhaltende Erzählweise machen diesen Film zu einem absoluten Genre-Highlight, das in Cannes mit dem Spezialpreis der Jury bedacht wurde

11`09´´01

(11`09``01 - September 11, Großbritannien, Frankreich 2002)
123 min. Die terroristischen Anschläge vom 11. September 2001 ließen die Welt erstarren. Rund um den Globus lösten die einstürzenden Zwillingstürme des World Trade Centers Trauer, Angst und Entsetzen aus. Jeder erlebte diesen Augenblick anders. Doch egal mit welchen Gefühlen die Bilder auch betrachtet wurden, vergessen wird diesen Augenblick vermutlich niemand...
11 Regisseure aus 11 Nationen erzählen in 11 Geschichten ihre ganz individuelle Sichtweise auf den Anschlag und seine weitreichenden Folgen. Inhaltlich wurde den Filmemachern vollkommen freie Hand gelassen. Nur die Rahmenbedingungen standen fest. Die Kurzfilme mussten eine exakte Länge von 11 Minuten, 9 Sekunden und einem Bild aufweisen - 11`09``01. Initiiert wurde der Episodenfilm von dem französischen Produzenten Alain Brigand, der so namhafte Regisseure wie Ken Loach, Shohei Imamura, Sean Penn und Samira Makhmalbaf für sein Projekt engagierte. Die große Stärke der Kollage ist dabei nicht einmal die Qualität jedes Einzelstücks, sondern die Vielfalt der Perspektiven auf ein und dasselbe Ereignis. Wenn eine Gruppe Schulkinder in Burkina Faso auf der staubigen Straße steht und gen Himmel fleht: "Osama Bin Laden, wir brauchen dich!", dann hat das aus einer afrikanischen Sicht urplötzlich eine ganz andere Intention, als man zunächst annehmen würde. Für politisch und kulturell interessierte Kinogänger ist dieser Film geradezu ein Muss. Allerdings mit dem gravierenden Schönheitsfehler, dass erst der 11. September passieren musste, um ihn auf die Beine zu stellen.

 

Komm und sieh

UdSSR 1985, ab 16 J. 148 min. Historischer Hintergrund dieses ungemein beeindruckenden Films von Elem Klimov sind die wenig bekannten Verbrechen von SS-Manschaften, die im Jahre 1943, also bereits nach der Niederlage von Staliengrad, 628 belorussische Dörfer niederbrannten und deren Einwohner töteten. Erzählt wird die Geschichte des 12-jährigen Bauernjungen Fljora, der den Krieg in seiner gesamten Grausamkeit mitmacht.

 
Life according to Agfa

Israel 1994. Regie: Assi DayanEine bunt zusammengewürfelte Menschenschar versammelt sich in einer kleinen Bar in Tel Aviv und durchlebt eine turbulente Nacht voller Aggressionen, aber auch kleiner Hoffnungsschimmer. Im Morgengrauen bereitet ein Trupp Soldaten dem Treiben ein blutiges Ende. Ein gleichnishaft angelegter Film, der "Moment- und Nachtaufnahmen" einer zerrissenen Gesellschaft zeigt, die an ihrer eigenen Aggressivität zugrunde geht.

 
Malunde

D 2001, Regie: Stefanie Sycholt, 118 min, Südafrikanischer Filmpreis 2001. Südafrika, nach dem Ende der Apartheid: Won-derboy, ein schwarzes Straßenkind, kämpft auf den Straßen Johannesburgs ums Überleben. Kobus, früherer Soldat des rassistischen Apartheids-Regimes, kann „die guten alten Zeiten" nicht vergessen, als er ein gefeíerter und für seine Tapferkeit ausgezeichneter Held war. Zwischen den beiden entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Zusammen müssen sie nach Kapstadt aufbrechen. In ruhigen und tiefgehenden Bildern erzählt

 
Vor dem Regen

Mazedonien 1994. Regie: Milchio Manchevski. Ausgehend von den ethnischen Konflikten auf dem Balkan, werden drei in Albanien, England und Mazedonien angesiedelte Episoden zu einer blutigen Tragödie um einen Kriegsberichterstatter verbunden

 
War photographer

Schweiz 2001. Regie: Christian Frei, 96 min. OSCAR-nominierte Dokumentation über den bekannten Kriegsfotographen James Nachtwey. „Jede Minute, die ich da war, wollte ich fliehen. Ich wollte das nicht sehen! Würde ich abhauen - oder zu der Verantwortung stehen, mit der Kamera dabei zu sein?"(James Nachtwey) Er ist überall da, wo Krieg und Armut wüten. In Kosovo und Palästina, Ruanada und Afghanistan, bei den Bettlern von Jakarta und den Ruinen des World Trade Centers.

 
Zeit der trunkenen Pferde

Grenzland zwischen Irak und Iran. Kälte, Armut. In einem kleinen kurdischen Bergdorf kämpfen fünf Waisenkinder ums Überleben. Sie sind arm - zu arm für die Operation, die ihr kleinwüchsiger Madi braucht. Ayub, sein größter Bruder versucht Geld für ihn zu verdienen. Aber es reicht nicht. Also will sich die ältere Schwester an einen Iraker verheiraten lassen, der Madis Operation ermöglichen soll. Doch seine Familie weist den Kleinen an der Grenze zurück. Da schließt sich Ayub einer Bande an, die Reifen auf Maultieren durch tiefverschneite Berge über die Grenze in den Irak schmuggelt. Der Weg ist steil und bald werden die Schmuggler erwischt. Sie fliehen den Berg hinunter, doch für Ayub gibt es kein Zurück mehr. Es gibt nur noch die Menschlichkeit. Er erreicht den Gipfel, über den sich ein Stacheldraht zieht. Ayub springt darüber hinweg ...