Filmland: Italien
Filmland: Italien - das ist ein fast unerschöpfliches Filmthema, denn es müsste von der Frühzeit des Films bis heute reichen und es müsste fast alle Werke der großen italienischen Regisseure wie Fellini, de Sica, Rossellini, Visconti und Antonioni beinhalten. Leider sind sie heutzutage schon fast vergessen. Dennoch werden wir ein paar von ihnen im Laufe unserer Reihe, die bis Februar dauert, neben die Werke stellen, die nach Jahren der Abstinenz das italienische Kino wieder hoffähig machen. Begonnen bei „Brot und Tulpen" hat sich eine Gruppe neuer Regisseure um Werke verdient gemacht, die nahe an der Wirklichkeit stehen, manchmal bunter als unsere Filme wirken, oft ironischer, ehrlicher und vor allem ein wenig melancholischer und romantischer.

Die liparischen Inseln

Kennen Sie die Vulkaninseln zwischen Neapel und Sizilien? Sie sind so schön, dass sie bereits mehrfach in italienischen Filmen auftauchten. 1950 fing ihren ganz eigenen Charaker Roberto Rosselini in Stromboli - Erde Gottes mit Ingrid Bergman ein. Er korrespondierte die Gewalten der Natur und schließlich die Eruption des Vulkans mit der Beziehung der beiden Protagonisten. In der Verfilmung des Antonio-Skarmeta-Romans Il postino - Der Postmann spielt Massimo Troisi einen Briefträger, der sich mit dem Literatur-Nobelpreisträger Pablo Neruda anfreundet. Erstaunlicherweise können beide voneinander lernen und sich befruchten. Der Film wurde auf Salinas gedreht. Massimo Troisis letzten Film zeigen wir im italienischen Original mit Untertiteln, genauso wie Nanni Morettis erstes Meisterwerk Liebes Tagebuch, in dem er im ersten Teil über Rom, Pasolini und die Architektur philosophiert, und im zweiten über den Verfall der Liparischen Inseln an den Tourismus. Sein Ton ist ironisch. liebevoll und ein wenig melancholisch. Ein Touristendampfer fährt vorbei und Moretti kickt auf einem asche-farbenen Fußballplatz den Ball, alleine und für sich ... (dazu noch einmal: Das Zimmer meines Sohnes).

Liebes Tagebuch
In Cannes ausgezeichneter, autobiografisch gefärbter siebter Film von Italiens Starregisseur Nanni Moretti. Im ersten Teil tuckert er auf seiner Vespa durch Rom und findet genaue Bilder für seine Beziehung zu der Stadt und ihrer Architektur, zum Kino und zur Gewalt, sowie zu Pasolini. Die Fahrt hinaus nach Ostia, wo P.P.P. ermordet wurde - ohne Text, nur unterlegt mit Musik gehört zu den stimmigen Bildern, die einen Film mehrmals sehenswert machen. Dazu gehört auch die Episode über die Liparischen Inseln, über die Entwicklungen der 68-er Generation, über Rückzug, übertriebene Kinderliebe, Philosophie, Fernsehen und Fernsehserien. Im dritten Teil unterzeiht sich Moretti einer Chemotherapie und ironisiert Hypochondrie und Ärztetum. Im Original mit Untertiteln.

Das Zimmer meines Sohnes
Italien 2001. Der beste Film der disjährigen Filmfestspiele von Cannes ist ein ungekünstelter Film über eine Familie in Ancona. Giovanni pflegt Gewohnheiten, ja fast Manien, die seinem Leben einen Halt geben. Er liest, hört Musik, zieht sich gerne zurück und joggt unermüdlich durch die Stadt. Eines Sonntagmorgens erhält er von einem seiner Patienten einen Anruf. Er geht zu dem Hausbesuch. So kann er nicht mit seinem Sohn Andrea laufen. Andrea beschließt mit seinen Freunden einen Tauchgang zu unternehmen. Er wird nicht mehr zurückkehren... „Es sind Kleinigkeiten, die diesen Film groß machen."

Nicht von dieser Welt
Italien 1999, Regie: Giuseppe Piccioni, 100 min. Ein „Kinowunder", das etwas im Alltag der Menschen aufbrechen kann. Eine Geschichte über normale Menschen einer Großstadt, gefangen in einer kleinen Welt, die durch den Fund eines Kindes und die Suche nach seiner Mutter noch einmal mit dem Leben konfrontiert werden. Eine Suche, die ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellen wird, und ihnen eine zweite Chance geben wird, die bemerkenswertesten Menschen der Welt zu treffen - sich selbst.
Zum besten italiensichen Film 1999 gewählt, ausgezeichnet mit fünf der begehrten italienischen Filmpreise. Im Jahr 2000 für den OSCAR als bester ausländischer Film nominiert.
„Diese heiter-melancholische Geschichte ist als Film selbst einer der Glücksmomente, die man so selten im Kino erlebt."
Wie schön, dass es jetzt auch auf deutschen Leinwänden für viel heimliche Tränen und befreiendes Lächeln sorgt.

 

Der Postmann
Pablo Neruda wird auf eine Insel vor Italien verbannt. Ein Briefträger bringt ihm die Post. Sie schließen Freundschaft und Neruda bringt ihm und der Film uns die Poesie näher. Hauptdarsteller Massimo Troisi starb kurz nach den Dreharbeiten. Mit Philip Noiret.

 
Mery per sempre + ragazzi fuori
Engagiertes soziales Kino. In einem Gefängnis von Palermo sitzen jugendliche Straftäter ein. Ein neuer Lehrer soll sich um sie kümmern. Sie mögen ihn nicht. Ihr Leben ist vorgezeichnet. Aber ganz langsam kann das Vorgehen des Lehrers (Michele Placido) einige Veränderungen bewirken.Im zweiten Teil, wenn die Jungen wieder draußen sind (ragazzi fuori) wird sich weisen, wie ihr Leben weitergeht. Die Laiendarsteller sind besser als mancher Starschauspieler. Nicht nur aus diesem Grunde zeigen wir immer wieder diese beiden Filme.
 

Stromboli - Erde Gottes
Italien 1950. Regie: Roberto Rosselini, der neben Vitorio de Sica und Lucchino Visconti einer der Mitbegründer des italienischen Neorealismus der 40-er und 50-er Jahre war. Rosselini heiratete Ingrid Bergman und drehte mit ihr als ersten Film „Stromboli...", ein Werk, das noch ganz den Geist des Neorealismus atmet, das Drehen vor Ort, die Geschichten aus dem Volk, Erzählungen ohne Hollywood-Schnick-Schnack. Der Vulkan bricht aus und spiegelt die Gefühle der beiden Protagonisten und ihrer Beziehung wieder. „Die Filme Rosselinis waren ihrer Zeit weit voraus". Dem ist von meiner Seite nichts hinzuzufügen.

Gestohlene Kinder
Von Gianni Amelio. Zu Recht mehrfach preisgekrönt. Ein Polizist muss zwei Kinder von Norditalien in ein Waisenhaus nach Sizilien bringen. Die Fahrt von Nord nach Süd entwickelt sich zu einem Panorama über das heutige Italien, sowie zu einer Annäherung der drei Protagonisten. Schließlich verlässt der Polizist seine vorgegebene Route, um den Kindern in ihrem tristen Leben einen Tag zu schenken. Hier weitet sich der Film - unterlegt von der Musik Gianna Nanninis - zu einem der schönsten Bilder der letzten Jahre: Der Junge klammert sich an den Rücken des Polizisten, während er im Meer schwimmen lernt. Aber das ist nicht das einzige großartige Bild. Ladri di bambini ist ein würdiger Nachfolger von Ladri di biciclette = Fahrraddiebe

Wolf Gaudlitz:
„Wolf Gaudlitz gelingt ein europäisches Kino, wovon andere nur träumen können."(Michael Althen, SZ)

Die Väter des Nardino
ist eine liebevolle sizilianische Geschichte mit beinahe tödlichem Ausgang und eine Komödie, die nicht ihr tragisches, sondern ihr menschliches Ende findet. BRD 1989, 93 min.
Palermo flüstert
BRD 2001, 87 min., Regie: Wolf Gaudlitz, Nach langen Jahren kehrt ein gealterter Poet, Sohn eines „Paten", in seine Heimatstadt Palermo zurück. In imaginären Gesprächen wendet er sich an die Menschen, die er von damals kennt. Sie berichten ihm, wie es heute um Palermo steht. Dabei öffnet sich die Hauptstadt Siziliens wie ein riesiger Fächer. Sie lässt uns in vergessene Winkel und Orte blicken, die nicht vergessen können.

Kaos
Italien 1985. Regie: Gebrüder Taviani. Fünf Erzählungen Pirandellos über seine sizilianische Heimat, zusammengestellt wie eine Sinfonie mit dem höchst komödiantischen „Il giara"-Der Krug als Höhepunkt, sowie dem melancholischen „Epilog" als grandioser Schlußeffekt. 180

 
Fellini

La strada

Regie: Federico Fellini, Italien 1954, 102 min., mit Giulietta Masina und Anthony Quinn, Silberner Löwe von Venedig und viele weitere Preise. Gelsomina wird von dem rauhbeinigen, kraftstrotzenden Stra ßenkünstler Zampano gekauft und auf seine Tour mitgenommen. Die beiden fahren durch die Lande, begegnen einem Seilartisten und landen in einem Kloster. Zampano ist rauh und ungerecht, aber Gelsomina stellt ihm ihre Gutmütigkeit entgegen. Vielleicht liebt er sie ja doch. Fellinis Meisterwerk wurde dank der durch den Zusammenklang aller künstlerischen Faktoren erzielten Intensität zu einem der kaum übertroffenen Schätze der Filmgeschichte.
Lucchino Visconti

Tod in Venedig

Rocco und seine Brüder

Regie: Lucchino Visconti, 166 min. Die Witwe Rosaria zieht mit ihren Söhnen Rocco, Simone, Ciro und Lucca aus dem Süden nach Mailand, wo ihr fünfter Sohn, Vincenzo, den Brüdern Arbeit verschaffen soll. Aber Vincenzo kann nicht helfen und die Brüder müssen sich selbst bemühen. Simone wird Boxer und kommt mit dem Leben in der Stadt nicht zurecht. Seine „Braut" Nadia verliebt sich in den schüchternen, fast engelsgleichen Rocco (Alain Delon), der nur an das Glück der Familie denkt. Simone wird währenddessen immer haltloser. Rocco, der ein großer Boxer zu werden verspricht, opfert sein ganzes Leben und schließlich sogar seine Liebe für diesen Bruder auf. Ein gewaltiges und gewalttätiges Stück Sozialkritik und gleichzeitig das Drama der ungleichen Brüder Rocco und Simone. Sie scheitern in ihren Extremen und gleichzeitig verbinden sie sie. Einer der für mich großartigsten Filme, die je gedreht wurden (Matthias Helwig)
Michelangelo Antonioni

Rote Wüste

Regie: Michelangelo Antonioni. It/Fr 1964, 117 min, Goldener Löwe Venedig 1964. „Antonionis vierter Film mit Monica Vitti nimmt Themen und Motive früherer Filme auf, radikalisiert sie aber in neuen Formen. „Deserto rosso" handelt von einer Frau, die empfindlich auf die Unverträglichkeit der äußeren Wirklichkeit reagiert .. Anders als in den Filmen der vorausgegangenen Trilogie erlebt sie die abreißenden Verbindungen zwischen sich und der Welt der Männer als Realitätsverlust und physisches Leiden. Ihre Hysterie macht die Risse in der Wirklichkeit sicht bar."(Hanser-Filmlexikon)
Pier Paolo Pasolini

Medea

Regie: Pier Paolo Pasolini. D/Fr/It 1969, 110 min, mit Maria Callas. „Es geht um den Konflikt zwischen der alten Religion und der atheistischen modernen Welt", hat Pasolini zu „Medea" erklärt, aber der antike Stoff lässt sich auch als Bruch zwischen der Dritten Welt und dem kolo-nialistischen Westen verstehen. Der Film erscheint zunächst fremd und hermetisch in seinem mythologischen Figurenspiel, aber er hat zugleich eine eigene faszinierende Sinnlichkeit und ist für manche zeitgemäße Interpretation offen. „Da sind Bilder von archaischer Wucht, von beeindruckender Schönheit, von umwerfender Fremdheit ... „Medea" ist der überzeugendste der post-neorealistischen Filme Pasolinis."(SZ)
   
Die Ahnungslosen Regie: Ferzan Ozpetek („Ha-mam") 105 min. Die berührende und aufregende Geschichte einer jungen Frau, die nach dem Unfalltod ihres Mannes feststellt, dass er jahrelang ein Verhältnis hatte. Als sie ihm im berühmten quartiere ostiense von Rom nachspürt, entdeckt sie, dass es sich bei der Geliebten um einen schwulen jungen Mann handelt. Verwirrt entschließt sie sich, mehr über ihren Mann und sein zweites Leben zu erfahren. Dabei taucht sie in die Wohngemeinschaft voller schräger Typen ein und ist von ihr fasziniert. Langsam kommt sie sogar dem Geliebten ihres Mannes näher. Eine feine Doppelbödigkeit entsteht. Der Film von Ozpetek zeichnet sich vor allem durch seine Lebensfreude aus. „Gerade hier, in meinem Stadtviertel, in unmittelbarer Nachbarschaft zum mächtigen Gasometer und zum Großmarkt, zeichnen sich die Menschen durch überbordende Vitalität und durch eine große Warmherzigkeit aus", sagt der Regisseur. Genauso ist dieser Film mit Marghe-ser Welt") in der Hauptrolle.
Der letzte Kuss  
Italienisch für Anfänger Regie: Lone Scherfig, Dänemark 2000, Silberner Bär Berlin 2001. 108 min. Wunderbarer, fröhlicher und nachdenklicher Dogma-Film um einen Italienischkurs als Kontaktbörse. Ein vitaler Kellner, ein schüchterner Hotelangestellter, ein milder Pfarrer, eine vereinsamte Friseuse, eine tollpatschige Verkäuferin und eine lebenslustige, italienische Küchenhilfe treffen sich zunächst zufällig, dann aus Interesse, Neugier und Liebe im Italienischkurs. Als der Lehrer einen Herzschlag kriegt, übernimmt der Kellner die Stunden und man kommt sich näher. Das Publikum, das „Brot und Tulpen" genoss, wird hier, wo Zärtlichkeit, Komik und Raffinesse herrschen, und herrliche Charaktere Hand in Hand gehen, seinen Spaß haben, zumal der schöne Schluss wieder in Venedig stattfindet.Ab 12